Erforschung von Raum-, Orts- und Feldphänomenen
Erforschung von Raum-, Orts- und Feldphänomenen

Architektur und Raumgestaltung

Die gängigen Vorstellungen über Prozesse der Raumgestaltung sind bis heute geprägt vom sullivan’sche Grundsatz des „form follows function“. Der Raumeigner und -nutzer soll zwar seine funktionalen Anforderungen einbringen, ihm kommt aber keine zentrale Rolle zu, wenn es darum geht, seine Bedürfnisse im Sinne von „formalem Ausdruck“ zu artikulieren. Gegenüber dem Nutzer hofft man dann auf „Akzeptanz“ hinsichtlich der vollendeten Gestaltungstatsachen. Ferner wird in der Differenzierung von Projekt (Bauaufgabe), Ort sowie Genius loci (Kontext) eine separierende Gegenüberstellung dieser drei Aspekte vorgenommen, die zwar analytisch sinnvoll ist, aber in der Praxis zu recht grossen methodischen Problemen führt, wenn es darum geht, sie miteinander in Verbindung zubringen. Gerade das „ineinander-Sein“ (nicht „gegenüber-Stehen“), also das sich Durchdringen dieser drei Aspekte würde nämlich die Voraussetzungen dafür schaffen, über Atmosphäre, Stimmung und emotionale Ausstrahlung lebensraum- und nutzernahe denkenund sprechen zu können.

Wohl gerade deswegen werden die klassischen Modelle der Raumwahrnehmung des 20. Jahrhunderts und viele darauf basierenden Raumgestaltungen heute offenbar von manchen Menschen als eher erlebnisarm empfunden. Als Reaktion darauf machte sich seit den 1990erJahren im Bereich der Raumgestaltung eine Disziplin bemerkbar, die sich von Gartenkunst und Bühnenbild über die Film-, Ausstellungs- und Warenpräsentationswelt weiterentwickelte, nämlich die Szenografie als Kunst der Inszenierung. Mit diesem Ansatz konntensich recht viele Architekten anfreunden und einige gar entschliessen, selber in diesem Bereichtätig zu werden.

Bei der Szenografie und ihrer Übersetzungsarbeit vom Raumthema zum Raumbild entsteht nun aber der Umstand, dass je abstrakter der Inhalt ist, desto effektvoller die thematische Inszenierung wirken. Wenn nun aber diese Tendenz zur Offenheit, Unbestimmtheit, bisweilen Positionslosigkeit die Voraussetzungen für effektvolle Inszenierungen darstellen, wird esschwierig, etwa im Sinne einer Unternehmensmarke, klare Vorstellungen von Profil undPersönlichkeit mit dieser Methode im Raum zu verwirklichen. Auch Jürgen Pahl sah hier inder Entwicklung vom Historismus, Eklektizismus bis hin zur skulpturalen und dekonstruktivistischen Architektur eine Ablösung von Eindeutigkeit und eine Einführung von Mehrdeutigkeit.

Und Fritz Neumeyer wiederum bemerkte, dass weder bildverliebte, noch objektverliebte oder raumtrunkene Architekten in der Lage sind, einen Standpunkt in der Welt zu beziehen. Ein Markenprofil im physischen Arealraum zu verorten, kann über dessen Verbindung mitOrt und Atmosphäre erfolgen. Der Begriff der Atmosphäre wurde am Ende des 20. Jahrhunderts zum Beispiel im Bereich der Architektur von Jean-Paul Thibaud und von Erwin Frohmann bei den Landschaftsarchitekten aufgegriffen. Jürgen Hasse und Rainer Kazig befassten sich von Seiten der Geografie mit Fragen von Ort und Atmosphäre hinsichtlich der Stadtentwicklung. Dieter Pfister entwickelte in den 1990er Jahren Schritt für Schritt dassogenannte Spacing-Modell, als Verbindung von Ort, Atmosphäre und Marke/Persönlichkeit. Dieser Prozess der Raumentwicklung basiert auf einem gleichberechtigten Dialog zwischen Gestalter, Eigner und Nutzer und legt einen Akzent auf die emotionalen und kulturellenAspekte der sozialen Dimension des nachhaltigen Bauens.